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Kantate – 02. Mai 2021

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!  Psalm 98, 1

Die Welt hat viele verlässliche und tragende Töne, in die es mit ganzer Seele einzustimmen gilt. In einem Gedicht von Eva Strittmatter (1930–2011) lese ich, dass das nicht reicht: 

„Wenn einer singt,

Soll er nicht nur mit seiner Seele singen ...

Er muss der sein, der sich vom Boden hebt,

Aus eigner Kraft. Was nie gelingt,

In Wirklichkeit, muss ihm gelingen.

Wenn einer singt, so muss er singen

Gegen die Schwerkraft und den Tod.“

Diese Zeilen sind spannend. Sie zeigen auch, dass manches Wort erst dann sein Gesicht bekommt, wenn es gesungen wird. Alle wahrhaftigen Lieder sind auf diesen Ton gestimmt. 

Seit der Befreiung aus Ägypten stehen sie wie Leitern am offenen Himmel. Mitunter reichen sie bis an den Rand Gottes und verändern die Welt. Wie etwa das Lied im Auftakt des Lukasevangeliums, das bis in unser Jahrhundert mehr bewirkte als die meisten politischen Programme:

„Die Niedrigen erhebt er. 

Die Hungrigen füllt er mir Gütern.

Die Reichen lässt er leer.“ (Lukas 1,52ff).

Die kostbaren Worte kann bis heute jeder von der Straße lesen. 

Paulus und Silas sangen sich im Gefängnis die bleierne Furcht aus der Seele, bis die Türen aufsprangen (Apg 16). Sie überholten mit dem Singen alle Wirklichkeit. 

Jahrhunderte später besingt Paul Gerhardt (1607–1676) Gottes tröstlichen Einbruch in die verwüstete Welt des Dreißigjährigen Krieges: „Ich lag in schweren Banden, du kommst und machst mich los.“

Und die ganze Welt wird freigekämpft in zwei unscheinbaren Zeilen aus Bachs Johannespassion, die niemand vergessen kann, der sie nur einmal gesungen hat: 

„Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn, 

muss uns die Freiheit kommen.“

Mitten unter uns beginnt Gott in schlichten Worten sein Befreiungswunder. Er kommt selbst in unser Gefängnis. Unsere Riegel zerbrechen an seiner Verheißung. Er führt, wie Luther sagen kann, „das Gefängnis gefangen“.

Wir wissen, dass uns inmitten der Bilder und Töne immer wieder Hören, Singen und Sehen vergehen wird. Gottes Freiheit aber nicht. Sie muss eingeübt sein wie eine Liedzeile.


Einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche wünscht Ihnen Pfarrer Achim Gerber

 

* Sonntag Kantate: Der vierte Sonntag nach Ostern wird nach Psalm 98, 1 benannt: Cantate domino canticum novum = singt dem Herrn ein neues Lied!