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Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres – 15. November 2020 – 46. Kalenderwoche

Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.

2. Korinther 5,10

Der Mensch ist das einzige Tier, das im Bewusstsein um seine eigene Endlichkeit sein Leben gestaltet. So banal diese Erkenntnis ist, so bedeutsam wird sie im Blick auf das, was uns im Leben und Sterben hält und trägt. Und dennoch stellt die Verdrängung des Todes aus unserer alltäglichen Wahrnehmung eines der fortgesetzt beklagten Phänomene dar. Wer sich regelmäßig mit Fragen nach Sinn und Ziel, nach Leben und Sterben auseinandersetzt, kommt nicht umhin zu erkennen, dass die Mehrzahl der Zeitgenossen für solcherlei Themen wenig Interesse oder gar Bereitschaft zum Nachdenken zeigt. 

Die Sendung Jesu als Weg Gottes ins Menschliche setzt wichtige Maßstäbe im Blick auf die Frage, wie Leben im Angesicht eigener Endlichkeit gelingen kann. So verstehe ich die Rede vom „offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi“. Sie zielt weniger auf das Morgen als auf das Heute. Wir kennen den Richter und kennen die Maßstäbe, die er setzt. In Erzählungen und Gleichnissen bebildert Jesus die Prinzipien, die dem Gericht zugrunde liegen. Dabei wird geschildert, dass jeder Tag ein „Jetzt“ seiner Wiederkunft ist, denn das Wirken oder Kommen des „Hausherren“ kommt überraschend (Mt. 24), es bedarf der Vorbereitung (Mt. 25,1 – 13), und die Maßstäbe, die der „Menschensohn“ setzt, verwundern (Mt. 25,31 – 46). Schon zu Lebzeiten bleiben die Orientierungen und Vorgaben dieses Richters umstritten, stehen im Widerspruch zu vielem, was nach irdischen Maßstäben „gerecht“, „angemessen“, „normal“ scheint. Der Dreh- und Angelpunkt liegt im Umgang mit dem Geringen, Kleinen, Unwichtigen und Ohnmächtigen: Hier entscheidet sich, wie wir vor dem Richterstuhl stehen – nicht erst am Ende der Zeit, sondern heute. Das betrifft sowohl unseren Umgang mit eigener Schwäche, Irrtum, Schuld als auch das „Tun des Gerechten“, die aktive Mitwirkung an der Gestaltung unserer Welt. 


​Ein gesegnetes Wochenende und eine gute Woche wünscht

Pfarrer Achim Gerber